| Im Sog des Netzes | | Drucken | |
|   von Helen Tsay | |
| Freitag, 9. Juli 2010 | |
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/Bild: Helen Tsay.'Ob Deutsch, Russisch oder Englisch – jede Sprache scheint im Sog des Internets zu verlottern. '/ Eines Tages, am Semesterende, als bereits alle meine Hausarbeiten fertig waren, wurde mir langweilig. Ich beschloss, am Abend im Internet zu surfen. Auserwählt hatte ich dafür das berühmte „social network“ Facebook, bei dem ich registriert bin und das ich ab und zu aufsuche. Außer echten Freunden, Kommilitonen und Bekannten habe ich zu meiner Freundesliste auch viele andere Kontakte hinzugefügt - Menschen, mit denen ich noch nie etwas zu tun hatte. Ich nahm diese virtuellen Freunde in Angriff. Ich wollte einen Versuch starten: Wie reagieren sie, wenn ich mich mit ihnen in Verbindung setze? Dafür verschickte ich an etwa 15 Personen fast die gleichen Floskeln: „Hallo! Wie geht’s? Was macht das Leben? Du bist bei mir in den Kontakten, ich weiß über dich dennoch fast nichts. Wenn du Lust hast, schreib mir einfach, ok? Lene.“ Und ich wartete auf die Antworten. Arme gequälte Sprache
Außerdem nutze ich meinen Aufenthalt in diesem sozialen Netz, um mit Freunden zu kommunizieren, mit denen ich lange keinen Kontakt hatte. Was ich auf der Pinnwand eines Freundes las, erregte bei mir als Linguistin große Aufmerksamkeit – es war eine wilde Mischung aus Russisch, Usbekisch und Englisch. Dieser Freund ist Koreaner, hat die usbekische Staatsbürgerschaft, seine Muttersprache ist Russisch und er selbst lebt jetzt in Tschechien. So kommt eine solche Mischung von Sprachen zustande. Im Allgemeinen geht es hier natürlich um das Spiel mit der Sprache in den neuen Medien: die Verwendung mehrerer Sprachen, vereinfachter Satzstrukturen, umgangssprachlicher Elemente sowie die Missachtung jeglicher grammatischen Regeln - der virtuelle Raum befreit von ihnen. Die Sprache im Netz ist großen Wandlungen ausgesetzt. Weder Deutsch noch Russisch oder irgendeine andere Sprache bilden da eine Ausnahme. Ein unaufhaltsamer Prozess?
Wenn die Zahl der Internetnutzer weiterhin jede Sekunde wächst, so wird sich in zehn bis zwanzig Jahren die Standartsprache von der Internetsprache nicht unterscheiden. Das behaupten die Sprachforscher, obwohl sie keine sicheren Prognosen geben können. Das heißt, es werden allmählich die Grenzen zwischen der Hochsprache und der Sprache in den Medien völlig ausradiert. Ist aber der Prozess der Verlotterung der Hochsprache noch aufzuhalten? Vielleicht nicht, er ist eine unlösbare Folge des Globalisierungsprozesses… Mit dem Text bewarb sich die Autorin für die IV. Zentralasiatische Medienwerkstatt. |