| Erwachte Kultur in Kirgisistan | | Drucken | |
|   von Antje Pfeifer | |
| Freitag, 13. August 2010 | |
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/ Bild: privat. 'Syrga Abdullajewa in einem traditionellen Brautgewand.'/ Als die kirgisische Studentin Syrga Abdullajewa während ihres Auslandssemesters in Saarbrücken gebeten wurde, ihr Land und dessen Traditionen vorzustellen, geriet sie in Verlegenheit. Sie konnte nur ein Volkslied vortragen, ansonsten aber recht wenig über die kirgisische Kultur und Traditionen erzählen. Diese Erfahrung nahm sie sich zum Anlass, nach ihrer Rückkehr nach Kirgisistan mehr über ihre Kultur zu lernen. Mangelnde kulturelle Identität
Ein ehrenwertes Ziel, das sich Syrga Abdullajewa zur Aufgabe gemacht hat, aber ein auch nicht ganz einfaches. Denn noch vor wenigen Jahren – kurz nach seiner Unabhängigkeit – rang Kirgisistan um seine kulturelle Identität. Während der Sowjetzeit wurde die kirgisische Sprache und Kultur ähnlich wie in den anderen zentralasiatischen Staaten unterdrückt. Heute wirft man den Sowjets vor, dass sie das kollektive Gedächtnis Kirgisistans gelöscht hätten. Doch ist es auch so, dass es in den 1930er Jahren die Sowjets waren, die die Kirgisische Sozialistische Sowjetrepublik gründeten. Der Politikwissenschaftler Eugene Huskey erklärt in seinem Text „National Identity from Scratch: Defining Kyrgyzstan’s Role in the World“: „Kirgisistan hat damit nicht nur erstmals eine indigene Führung, eine eigene Staatsflagge und kulturelle Institutionen bekommen, sondern auch einen festen Platz auf der Weltkarte“. Über ein kollektives Gedächtnis oder nationales Bewusstsein verfügte man dennoch kaum, so Eugene Huskey weiter. Eine kirgisische Heldenerzählung
Dennoch setzte der erste Präsident Kirgisistans Askar Akajew, ebenso wie andere Präsidenten der Postsowjet-Republiken, auf Erfahrungen und Analogien aus der Vergangenheit und damit auf einen ethnischen Nationalismus. Neuere Geschichte und Erfahrungen aus der Sowjetzeit wurden dabei völlig verdrängt. Stattdessen knüpfte man an eine angebliche „vorsowjetische Identität“ an. Es kam zum Aufleben der kirgisischen Heldenerzählung – dem Manas-Epos. Erica Marat, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Central Asia-Caucasus Institute and Silk Road Studies Programm, erklärt in ihrem Text „Imagined Past, Uncertain Future: The Creation of National Ideologies in Kyrgyzstan and Tajikistan“, das Manas-Epos sei nicht nur die weltlängste Erzählung, sondern auch „poetischer Juwel der kirgisischen kulturellen Tradition“. Die Erzählung handelt von kriegerischen Auseinandersetzungen um den Helden Manas und spiegelt die kirgisischen Wertvorstellungen wie bspw. Toleranz, Respekt vor den Älteren oder Pflege der Jüngeren wider. 1995 wurde sogar das mutmaßliche tausendjährige Jubiläum der Geburt Manas gefeiert. Dennoch wurde diese Politik Akajews zur Wiederbelebung der kirgisischen kulturellen Identität um das Manas-Epos als aufgezwungen empfunden. „Die weniger ethno-zentrische Strategie des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts ‚Kirgisistan ist unsere Heimat’ sowie die Initiative ‚2.200 Jahre kirgisische Staatlichkeit’ wurden wesentlich beliebter aufgenommen“, erklärt die Wissenschaftlerin Erica Marat weiter. Die Quelle symbolisiert das Leben
Syrga Abdullajewa hat – inzwischen zurück in Kirgisistan – einen traditionellen Tanzkurs besucht und sich mit Ornamenten, die die traditionelle Kleidung, Teppiche und Jurten in Kirgisistan verzieren, sowie mit deren Bedeutung beschäftigt. So weiß sie die Ornamente wie die Mutter oder die Tulpe, die oftmals auf den weiblichen Kopfbedeckungen zu finden sind, zu deuten. Sie stehen für Mutterliebe und Fürsorglichkeit sowie für Fruchtbarkeit. Der Kalpak, der entweder weiß für junge oder schwarz für ältere Männer ist, ist meist mit Ornamenten, die für die Gesellschaft oder für Helden stehen, verziert. Aber auch der Hund, der für Freundschaft steht und die Quelle, die für das Leben steht, sind oft zu finden. „Die typischen Ornamente sind meist noch durch phantasievolle Formen ergänzt, die jeden Kalpak, jeden Teppich und jede Jurte einmalig machen“, weiß Syrga inzwischen zu berichten. |